Klassik Open Air

Europas grünster Konzertsaal

Stadt Nürnberg

Interview mit Alexander Shelley, dem Chefdirigenten der Nürnberger Symphoniker


Foto: Claus Felix

Wenn man in der Musik schwebt

Zum achten Mal wird Alexander Shelley beim Klassik Open Air am Pult der Nürnberger Symphoniker stehen. Aber der „Showdown“ für die Abschiedssaison läuft schon. Im Sommer 2017 wird der international gefragte Brite sein Flugdreieck London – Nürnberg – Ottawa ändern. Er beendet dann vor Ort seine neunjährige Tätigkeit als Chefdirigent. Vorher setzt er – in Anwesenheit der eigenen Familie – im Luitpoldhain noch auf Magie: Das Motto „Verzaubert!“ nimmt den erwünschten Gesamtzustand im Grünen schon mal vorweg. Der exzentrische Klassik-Star Cameron Carpenter als Gast soll mit seiner „International Touring Organ“ dabei helfen.

Vorausgesetzt, drei Dinge braucht der Besucher des Klassik Open Airs. Welche wären das Ihrer Meinung nach?

ALEXANDER SHELLEY: Ich denke: offene Ohren, offene Augen und ein offenes Herz.

Damit wäre der Sinneskitzel abgesteckt. Worauf freuen Sie sich dieses Jahr besonders?

ALEXANDER SHELLEY: Auf Cameron Carpenter. Er ist ein enger Freund von mir und ein phantastischer Organist mit einem bunten Charakter.

Kennen Sie Carpenters Reise-Orgel?

ALEXANDER SHELLEY: Ich kenne sie. Wir haben uns im Frühjahr zufällig in Toronto getroffen. Er hat dort ein Solo-Konzert gegeben, und ich war zu Besuch. Dort habe ich das Instrument erstmals live erlebt. Beeindruckend.

Auch von der Größe?

ALEXANDER SHELLEY: Der Spieltisch ist groß. Schwarz und schön designed. Mit fünf Tastaturen und den Pedalen. Wir werden ihn hinten oben platzieren.

Samt Orgelpfeifen?

ALEXANDER SHELLEY: Das sind ja Boxen, weil die Orgel rein digital funktioniert.

Kannten Sie Carpenter schon vor dem Konzert 2013 in Nürnberg?

ALEXANDER SHELLEY: Ja, ich habe sein Konzert für Orgel und Orchester „The Scandal“ 2011 in Köln mit uraufgeführt. Seitdem standen wir einige Male auf der Bühne und tun das immer wieder gerne.

Die „Königin der Instrumente“ bringt man für gewöhnlich eher mit Kirchen und Konzerthallen in Verbindung.

ALEXANDER SHELLEY: Weil die Orgel bislang auch nicht einsetzbar war. Aber dadurch, dass Carpenter sich dieses mobile Instrument hat bauen lassen, kann man es erstmals auf verschiedenen Bühnen einsetzten. Es ist vielleicht sogar das erste Klassik Open Air überhaupt, wo dies geschieht.

Wird’s damit dieses Mal im Luitpoldhain feierlich?

ALEXANDER SHELLEY: Gute Frage. Die Orgel bringt man natürlich mit Kirchen in Verbindung, sie hat aber auch etwas von Kirmes und Zirkus. Es gibt bei Carpenter Momente, wo er eher heitere und lustige Sachen spielt, wo man das Absurde entdeckt.

Sein Künstler-Image geht ohnehin nicht ins Feierliche…

ALEXANDER SHELLEY: Neinnein. Obwohl: Was bei Cameron sehr täuscht, ist seine – bewusst so angelegte – Erscheinung. Dabei ist er im Grunde ein intellektueller Mensch. Er ist eigentlich ein genialer, brillanter Orgel- und Musik-Besessener im Körper eines Paradiesvogels. Er kennt sich unglaublich gut aus und interessiert sich wahnsinnig für die Geschichte der Orgel. Der Einsatz dieser digitalen Orgel war auch eine ganz bewusste Entscheidung.

Im Programm ergänzen Bach, Paganini- Variationen und Camille Saint-Saëns‘ Orgel-Symphonie andere Stücke wie „Die Schöne und das Biest“ oder Strawinskys „Feuervogel“. Wo steckt das verbindende Element?

ALEXANDER SHELLEY: Im Titel „Verzaubert!“. In eigentlich allen Werken geht es um Zauberei und Wunder. Bei den Orgelwerken verkörpert Carpenter den Zauberer.

Gehört „Zauber“ für Sie zu den wichtigen Dingen des Lebens?

ALEXANDER SHELLEY: Im metaphysischen Sinne, ja. Die Grenze zum Anfassbaren, Nachvollziehbaren, dem Logischen und dem, was dahinter kommt, ist für einen Musiker immer der erste Anknüpfungspunkt. In der Musik gibt es wie in jeder Branche sehr viel Handwerk, sehr viel Logisches, Intellektuelles. Spannend wird es dann, wenn man sich davon löst. Träume, Zauber, Wunder, Märchen sind elementare Stichwörter, für alle Menschen.

Wann waren Sie das letzte Mal „verzaubert“?

ALEXANDER SHELLEY: Das passiert mir als Dirigent regelmäßig. Ich bin dann in diesem Moment nicht von dieser Welt. Eher in einer Zwischen-Welt, wenn eine Symbiose von Orchester und Dirigent zustande kommt.

Hat das etwas Trancehaftes?

ALEXANDER SHELLEY: Ja genau. Ich meditiere nicht, aber mein bester Kumpel hat es getan und mir die Wirkung von Meditation genau erklärt. Ich verstehe das mittlerweile sehr gut. Man ist nicht da, aber extrem fokussiert. Aber man schwebt auch.

Die kommende Saison der Nürnberger Symphoniker ist mit „Showdown“ überschrieben. Wieviel James-Bond-Thrill planen Sie denn?

ALEXANDER SHELLEY: Ach, wir haben schöne Sachen, die „Abschiedssymphonie“ und Mahlers Zweite. „Showdown“ ist da ein passender Begriff, der im Deutschen passender ist als im Englischen, ähnlich wie „Handy“. Im Englischen ist „Showdown“ tatsächlich das finale Duell.

Hat der Abschiedsschmerz schon eingesetzt?

ALEXANDER SHELLEY: Ich bin froh, dass das erst mein vorletztes Klassik Open Air ist. Mein letztes als Nürnberg-Finale wird etwas sehr Besonderes.

Da weinen wir, wenn es so weit ist. Aber wo werden Sie denn in Zukunft Ihre Pop- Star-Gefühle ausleben, die ja wohl jeden Künstler vor 70.000 Besuchern im Luitpoldhain automatisch überkommen?

ALEXANDER SHELLEY: Erst mal nirgendwo, in dieser Dimension.

In Leipzig?

ALEXANDER SHELLEY: Da sind 20.000 bis 25.000. Ich mache das 2017 zum dritten Mal mit dem Gewandhausorchester und werde auch eines mit dem Hessischen Rundfunk machen...

Aha, ein Spezialist für Open Airs!

ALEXANDER SHELLEY: Sozusagen. Dadurch, dass ich es in Nürnberg so lange gemacht habe, werde ich gerne gefragt, wenn es um die Kombination aus Dirigieren und Moderieren geht. Und ich mach‘ das auch gerne. Auch das Publikum spüren zu lassen, es geht nicht nur um Unterhaltung auf hohem Niveau, sondern um Momente von Tiefgang und Qualität. Da kann die klassische Musik etwas anbieten, was man in anderen Branchen nicht sofort wiederfindet: diese Momente der Innigkeit. Das ist etwas ganz Wichtiges, uns nicht zu scheuen, auch etwas größere Formate zu präsentieren. Klassische Musik erzählt in abstraktem Sinne auch Geschichten. Und die brauchen halt manchmal eine Weile. Aber nochmals: Auch wenn ich woanders große Veranstaltungen dirigiere, mit Nürnberg kann sich keine messen.

Interview: Andreas Radlmaier

Hauptförderer des Klassik Open Air:

Sparda-Bank Lebkuchen Schmidt Rudolf und Henriette Schmidt-Burkhardt Stiftung