Klassik Open Air

Stadt Nürnberg

Interview mit Marcus Bosch, dem Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Nürnberg

Portrait Marcus Bosch / Foto: Ulf Krentz

Foto: Ulf Krentz

Ein ganzer Abend für ein Genie

Er fühlt sich ein wenig „wie beim Biathlon“, als Dirigent und Moderator seiner Staatsphilharmonie Nürnberg. Durchatmen und zielgenau ansagen heißt es dann zwischen den Pult-Einsätzen. Diesen Kick möchte Marcus Bosch, seit fünf Jahren Generalmusikdirektor am Opernhaus, dennoch nicht missen. Seine Musiker auch nicht. Bosch, als Künstlerischer Leiter der Opernfestspiele Heidenheim im Einsatz und als Gastdirigent weltweit gefragt, widmet sein Klassik Open Air komplett dem Komponisten George Gershwin. Und noch eine zweite Premiere wird’s am 24. Juli geben: Das Bayerische Fernsehen sendet eine Übertragung des kompletten Konzertes. Für Bosch ein längst überfälliger Schritt.

Drei Dinge braucht der Klassik-Open-Air- Besucher, behaupten wir mal. Welche wären das Ihrer Meinung nach?

MARCUS BOSCH: Gute Musik, gutes Essen, gutes Wetter.

Bleiben wir beim guten Wetter. Das diesjährige Programm ist mit “Summertime” überschrieben. Man könnte vermuten, dass Sie nach den Wettererfahrungen der vergangenen Jahre förmlich mit Voodoo- Zauber eine Sommernacht erzwingen wollen.

MARCUS BOSCH: Mit Voodoo nicht, aber mit Gershwin. Erzwingen kann man ohnehin nichts. Allerdings hat es uns an dieser Stelle in den letzten Jahren zwei Mal böse mit dem Regen erwischt. Die Wahrscheinlichkeitstheorie lässt vermuten, dass wir dieses Mal – zumal erstmals das Bayerische Fernsehen das komplette Konzert überträgt – einen gnadenlos schönen Sommerabend haben werden.

Gershwins „Porgy and Bess“-Suite, die gut ist für eine Konzerthälfte, wollen Sie schon seit ein paar Jahren im Luitpoldhain machen. Was fasziniert Sie so sehr an diesem zwölfteiligen Zyklus?

MARCUS BOSCH: Zunächst mal das Stück insgesamt. Darüber hinaus war der Komponist Gershwin schon ganz früh einer meiner Favoriten, ob es nun „Rhapsody in Blue“, das „Concerto in F“, „Ein Amerikaner in Paris“ oder seine Ouvertüren waren. Das ist wahrscheinlich der schnellste, intelligenteste und begabteste Songschreiber und -spieler gewesen, den die Musikgeschichte hervorgebracht hat. Und dann ist da noch dieses Nationalheiligtum, diese Oper „Porgy and Bess“, die wir ja leider nur konzertant zeigen dürfen …

Weil der Komponist vorschreibt, dass in einer Inszenierung nur farbige Sänger dabei sein dürfen…

MARCUS BOSCH: Genau, so lange die ganze Oper nicht freigegeben ist. Die Suite bietet somit die Möglichkeit, Gershwins Musik zu präsentieren. Als Weißer hat er da ja ganz viel aufgesogen aus der schwarzen Musik, aus Spiritual, Gospel. Das hat mich immer schon fasziniert. Den titelgebenden Song „Summertime“ gibt es nicht umsonst in hunderttausenden Interpretationen.

Angeblich ist „Summertime“ der meistgespielte Jazz-Song.

MARCUS BOSCH: Diese Variationen sind ein weiterer Beweis für die vorhandene Qualität. Das ist einfach großartige Musik, mit Leben erfüllt, aus dem Leben gegriffen, lebendig in jeder Sekunde. Das macht einfach Spaß. Ich hoffe, dass ich irgendwann die Oper auch machen kann.

In Nürnberg? Im Opernhaus?

MARCUS BOSCH: Ich glaube, dass es kaum möglich ist, den Opernchor durchgehend mit farbigen Sängern zu besetzen. Das wäre dann wohl eher in einem Festival realisierbar.

Nationalsozialisten hatten ja 1943 heftigst versucht, die Europa-Premiere in Kopenhagen zu verhindern. Überhaupt passt der Stoff ziemlich gut in den Luitpoldhain mit seinem Erbe als NS-Gelände. Geht es Ihnen auch um ein politisches Signal?

MARCUS BOSCH: Das nicht. Aber es ist natürlich auch ein Triumph verfemter Musik an einem Ort, wo vor 80 Jahren die Massen bösartigen Verleumdungen hinterher liefen. Für mich zeigen die Klassik Open Airs insgesamt beispielhaft, wie man Energie an solch belasteten Plätzen drehen kann.

Beim Klassik Open Air wird alles Gershwin sein. Einen Abend einem einzigen Komponisten zu widmen, das ist Premiere in 17 Jahren. Halten Sie Gershwin für so herausragend?

MARCUS BOSCH: Herausragend ist die richtige Bezeichnung für ihn. Welch anderer Komponist hat so eine Durchlässigkeit zwischen U- und E-Musik wie er? Und es gibt immer noch keinen zweiten Gershwin. Leonard Bernstein hat zwar sein Erbe in gewisser Weise fortgeführt, aber dennoch: Gershwin ragt heraus. Mit „Cuban Overture“, mit „Ein Amerikaner in Paris“, seiner musikalischen Europa-Vision, und anderen Songs zeigen Chor, Soli und Orchester auch ganz verschiedene Farben. Daher: Der Abend hält das sehr gut aus!

Wenn Sie sich entscheiden müssten: Dvořák, Bruckner, Gershwin – wen würden Sie wählen?

MARCUS BOSCH: Das ist das Schöne an einem Generalmusikdirektor, Musik in ihrer Breite aufzugreifen. Spezialistentum war mir immer fremd. Dann lieber Spezialist für vieles. Ich glaube auch, dass immer das eine das andere befruchtet. Deshalb halte ich die deutsche Diskussion zwischen U und E nicht für zielführend. Es muss eher die Frage gestellt werden: Werde ich der jeweiligen Farbe eines Komponisten gerecht? Insofern ist ein Tag Dvorřák, ein Tag Bruckner, ein Tag Gershwin, ein Tag Wagner das Erfüllteste, was ich mir vorstellen konnte. Diese Situation habe ich jetzt. Das ist ein unglaublicher Luxus, der zum Reichtum wird.

Und wenn Sie sich entscheiden müssten?

MARCUS BOSCH: Dann würde ich eher zerbrechen. Denn was würde ich hergeben? Das berühmte Stück für die einsame Insel wäre vermutlich das Brahms-Requiem.

Da steht dann Bachs Johannes-Passion gleichwertig mit Wagners „Götterdämmerung“?

MARCUS BOSCH: Absolut. Die Johannes- Passion ist das Persönlichste, was man machen darf. Beim anderen geht es darum, eine Kunst-Welt zu erschaffen, eine Mythen-Welt. Das Tolle ist, beides gleichzeitig zu machen. Ich werde immer wieder gefragt, woher ich die Kraft nehme, so viel zu machen, zu dirigieren, zu managen, Geld einzusammeln. Man macht immer alles für den Moment des glücklichen Musizierens.

Sorgt das Klassik Open Air jedes Jahr neu für den besonderen Kick?

MARCUS BOSCH: Im Prinzip ja. Auch wenn das dramaturgische Konzept, das wir angestrebt haben, jetzt zwei Mal durch Regen unterbrochen wurde und die Energie nicht wie geplant hochkochen konnte. Aber man spürt die Erwartung des Publikums und die Vorfreude der Musiker: Teil zu sein des größten Klassik Open Airs in Europa. Und spätestens, wenn die Wunderkerzen angehen, ist man gefangen von diesen überwältigenden Bildern.

Was bedeutet für Sie die erstmalige Übertragung im Bayerischen Fernsehen?

MARCUS BOSCH: Das hat das Klassik Open Air schon lange verdient. Welches Ereignis sollte man denn im Fernsehen übertragen, wenn nicht dieses? Es wird einfach Zeit, dass wir da aus dem Schatten Münchens kommen, und dem dortigen Klassik Open Air, das vielleicht mal ein Zehntel der Zuschauer hat.

Sie sind nun fünf Jahre in der Stadt. Sind Sie in Nürnberg angekommen?

MARCUS BOSCH: Ich spüre eine stetig wachsende Zuneigung.

Interview: Andreas Radlmaier

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