Klassik Open Air

Stadt Nürnberg

Interview mit Alexander Shelley, dem Chefdirigenten der Nürnberger Symphoniker


Foto: Claus Felix

Die internationale Karriere von Alexander Shelley schreitet zügig voran: Am 1. September übernimmt er – neben seinem Nürnberger Chefdirigenten-Posten – die musikalische Leitung des National Arts Centre Orchestra im kanadischen Ottawa. Außerdem machte ihn das Royal Philharmonic Orchestra in London zum 1. Stellvertretenden Chefdirigenten. 35 Wochen im Jahr sind damit künftig fest verplant. Das „Highlight“ bleibt für den charismatischen Briten indes das Open Air mit den Symphonikern.

Das Thema „Freiheit” findet sich 2015 mannigfach als programmatisches Ausrufezeichen in der Kulturszene. Warum hat sich „Freiheit“ als Überschrift für das diesjährige Symphoniker-Open-Air aufgedrängt?

Alexander Shelley: Es gibt diesen überaus positiven Moment für Deutschland – 25 Jahre Wiedervereinigung – und das wollten wir zelebrieren. In vielerlei Hinsicht ist der Luitpoldhain dafür geeignet. Nicht nur geschichtlich, sondern auch dadurch, dass sich hier Jahr für Jahr so viele Menschen treffen und ein bisschen Frieden und Freiheit feiern. Insofern hat das Thema sich nicht aufgedrängt, aber wir haben es eingefangen, umarmt.

Haben die programmatischen Planspiele dann direkt zu Beethoven und „Freude, schöner Götterfunken geführt“?

Alexander Shelley: Jein. Wir hatten mehrere Ideen und kamen dann eines Tages auch auf Beethovens „Neunte“.

Jetzt bleibt von der ganzen Symphonie nur der finale Satz, also die Europa-Hymne übrig …

Alexander Shelley: Genau. Auf dem Plan stand lange die gesamte Symphonie.

Und warum verabschiedeten Sie sich wieder von dieser Idee?

Alexander Shelley: Weil wir uns fragten, wo wir die „Neunte“ im Programm platzieren sollen. Vor der Pause, nach der Pause, was baut man drum herum – es tauchten viele Fragen auf. Und wir wissen alle: Eine große Symphonie – egal wie wunderbar und genial sie ist – ist anspruchsvoll in der Wahrnehmung. Insofern ist der letzte Satz mit seinen 20 bis 25 Minuten ein Highlight und läuft gerade auf den Punkt „Freiheit“ und „Freude, schöner Götterfunken“ zu – wie damals beim Mauerfall. Diese Entscheidung hat uns dann etwas befreit, was die Programmatik für den ganzen Abend angeht.

Jetzt finden sich neben dem Orchester zwei Chöre und vier Solisten auf der Bühne. Was war da zuerst da: die Musikauswahl oder der Drang, etwas Kolossales zu liefern?

Alexander Shelley: Die Musik! Der Abend ist ohnehin ein Koloss. Aber er muss zunächst musikalisch schlüssig sein. Ich bin glücklich jetzt, wir haben einen roten Faden von „Wilhelm Tell“ bis „Fidelio“ und werden dennoch eine Riesenparty haben.

Welches Verhältnis haben Sie zu Beethoven?

Alexander Shelley: Das ist mein Rückgrat. Diese Schule – Bach, Beethoven, Mendelssohn, Mozart, Schubert, Brahms, Mahler – ist meine Basis.

Also gewissermaßen deutsche Musikgeschichte …

Alexander Shelley: … weil sich für mich da zwei Dinge perfekt kreuzen: eine astreine Logik und Handwerk, zu dem diese emotionale Tiefe kommt. Ich behaupte immer, dadurch, dass diese Musik so reduziert ist auf das Wesentliche, von der Logik her und den Gedanken, entwickelt sie auch diese Wucht. Einen Bach kann man ohne Gefühlsausdruck spielen – und er springt einen trotzdem an. Brahms und Beethoven funktionieren ähnlich. Das ist so eine perfekte Balance. Deshalb ist diese Musik für mich so wichtig.

Wir begegnen im Konzert Wilhelm Tell, Robin Hood und Giuditta – ist es leicht oder schwer, Freiheitshelden für einen Sommerabend zu versammeln?

Alexander Shelley: Obwohl die Persönlichkeiten oft komplex sind, ist die Musik vorwiegend packend und extrovertiert. Ich werde auch durch den Abend leiten und darauf verweisen, dass es nicht nur Helden sind. Wenn es eine Kehrseite gibt.

Brauchen wir alle zusammen Helden?

Alexander Shelley: Spontan würde ich sagen ja, aber unser Verhältnis zum Begriff Held ändert sich ständig. Wenn man zum Beispiel Richard Strauss hernimmt, enden seine heldenhafte Stücke – im Gegensatz zu Wagner – im Zwiespalt. „Don Juan“ hört sich dann so an: bomm – bomm – bomm. In England haben wir gerne Helden für zehn Jahre. Und dann mögen wir es, wenn sie ein wenig fallen.

Taugen Dirigenten für die Heldenverehrung?

Alexander Shelley: Für das Publikum auf jeden Fall. Es hat ja schon immer Orchester gegeben, die versuchen, ohne Dirigent auszukommen. Das hat seine eigenen Spannungen und Schwierigkeiten, aber dies ist immer gut hinzukriegen, wenn man das will. Das Publikum empfindet komplett anders. Auch wenn das Orchester hervorragend spielt, wenn vorne kein Dirigent steht. Das Auge hört eben mit. Es geht um Verkörperung der Musik, wenn es gut läuft.

Der Maestro kommt ja mitunter gleich hinter dem Messias. Fühlen Sie sich auch als Held, im Luitpoldhain vor 70.000 Menschen zu agieren?

Alexander Shelley: Nein. Das werde ich oft auch von Familienmitgliedern gefragt. Natürlich ist das ein unglaubliches Gefühl. Ich fühle mich aber mehr als Teilnehmer. Ich bin ja sehr mit meinem Zeug beschäftigt, ich dirigiere, moderiere. Ich stehe weniger da und sage mir: wow, toll!

Spüren Sie die physische Präsenz dieses großen Publikums?

Alexander Shelley: Auf alle Fälle. Es wird aber irgendwie abstrakt. Wenn Du die 70.000 Menschen siehst – die wirken wie ein einziges Wesen. Das ist schwer zu beschreiben. Man ist bei der Sache, man ist unheimlich hochgepusht und inspiriert durch diese Masse. Aber für mich fühlt sich das immer an wie eine Party.

Weil die Stimmung so relaxt ist?

Alexander Shelley: Weil es so geil ist. Wie schön ist das denn, das Ding, das du liebst, vor 70.000 Menschen machen zu können? Und dass die auch mitgehen.

Interview: Andreas Radlmaier

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