Klassik Open Air

Stadt Nürnberg

Interview mit Marcus Bosch, dem Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Nürnberg

Portrait Marcus Bosch / Foto: Ulf Krentz

Foto: Ulf Krentz

Richard Wagners „Götterdämmerung” ist am Opernhaus schon in Arbeit, wenn Marcus Bosch mit der Staatsphilharmonie und Star-Schlagzeuger Martin Grubinger beim Klassik Open Air das Ohr auf „20th Century Classics” lenkt. Gerade probt Nürnbergs Generalmusikdirektor den vierten und letzten Teil von Wagners „Ring“, mit dem die Spielzeit im Oktober eröffnet wird. Auch sonst ist Marcus Bosch, der nicht nur für seine Wagner-Interpretation mit Lob überschüttet wird, gut beschäftigt. Mit Gastspielen zwischen Sevilla, Bilbao, Hamburg, Thessaloniki, China, Budapest und Modena, wo er die Nürnberger Aufführung von „Tristan und Isolde“ als Exportgut dirigiert.

Herr Bosch, wenn man sich die Komponisten beim Klassik Open Air 2015 ansieht, stößt man auf Namen wie Dun, Dorman, Abe. Hört sich nicht nach Quote an, oder?

Marcus Bosch: Sie haben jetzt die Namen ausgewählt, die man vielleicht am wenigsten kennt. Obwohl: Tan Dun etwa begeistert Massen – und hat mit der Musik zu dem Film „Tiger and Dragon“ einen Oscar gewonnen. Ein seriöser Musiker, der mit fernöstlicher Mystik und amerikanischem Hintergrund arbeitet. Wir wollen ja bei „20th Century Classics“ zeigen: Es gibt keine Musik, vor der man Angst haben muss. Ganz im Gegenteil. Das ist Musik, die wahnsinnig viel Spaß macht, die von unserer Zeit erzählt und die zugänglich ist. Dafür stehen dann natürlich auch Komponisten wie Ravel und Schostakowitsch.

Sind das für Sie Klassiker des 20. Jahrhunderts?

Marcus Bosch: Absolut. Ein „Bolero“ ist mehr als das. Auch die „Maskerade Suite“ von Aram Katchaturjan. Das sieht man schon daran, dass andere Genres – Film, Theater, Werbung – auf diese Musik zurückgreifen.

Sehen Sie da noch Nachholbedarf?

Marcus Bosch: Nicht nur da. Man erlebt es immer wieder, dass bestimmte Komponisten eine Fremdheit auslösen und dass, wenn Mozart und Brahms auf dem Programm stehen, sich das Konzert leichter füllt als bei Werken des 20. Jahrhunderts. Die Beifallsstürme gelten dann aber, wenn die Menschen im Konzert sind, oft eher dem 20. Jahrhundert.

Traut man dem Publikum am Ende zu wenig zu?

Marcus Bosch: Ich glaube, da hat jede Stadt ihre eigene Geschichte. Ich erlebe das sehr unterschiedlich. Ich glaube schon, dass man das Publikum verführen muss – nicht erziehen, das wäre schrecklich in diesem Zusammenhang. Und natürlich bietet da ein Klassik Open Air die Chance, Musik zu spielen, die man nicht sofort mit Komponisten-Namen verbindet. Also auch hier einem Publikum, das vielleicht nicht regelmäßig in Konzerte geht, die Hand zu reichen. Es gibt ja so einen unglaublichen Reichtum an Musik. Und die hört eben nicht bei Mozart auf. Das 20. Jahrhundert etwa ist ganz stark vom Rhythmus geprägt.

Was zeichnet in Ihren Ohren einen Klassiker des 20. Jahrhunderts aus?

Marcus Bosch: Vor allem die Musik, die den Körper angeht.

Körpermusik?

Marcus Bosch: Ja, bei Stücken wie „Maskerade“ oder auch der „Candide“-Ouvertüre von Bernstein zu Beginn – da zuckt’s mir in allen Gliedern. Das ist sehr körperliche, tänzerische Musik. Auch das, was Martin Grubinger am Schlagzeug macht, ist ja eine totale Frischzellenkur fürs Menschenmögliche. Phänomenal, was ihm an Schlagtechniken und Frequenzen gelingt! Klar, in dieser Musik steckt auch Spektakel.

Erlaubt ein Star-Schlagzeuger als Solist neue Perspektiven?

Marcus Bosch: Zunächst ist Martin Grubinger ein heutiger Künstler durch und durch, indem er überhaupt keine Barrieren zulässt. Er ist total offen, er kommuniziert in alle Richtungen. Er ist einer der ganz modernen Handreicher, ohne dass er seine Kunst verrät. Deshalb gibt’s im Konzert bewusst auch keine Häppchenkultur. Wir zeigen drei, vier verschiedene Welten, für die Schlagzeug heute steht, und wie sich Linien von Bernstein bis Dorman weiter entwickelt haben. Viele dieser Komponisten arbeiten mit ethnischem Material, weil dadurch eine unmittelbare Verbindung zum Publikum entsteht. Deutsche Komponisten tun sich damit sehr schwer, weil unsere ethnische Musik fast bei „Ännchen von Tharau“ aufhört und später diskreditiert wurde

Wie wird das Motiv Schlagzeug denn beim Familienkonzert gelöst, bei dem Grubinger ja nicht dabei ist?

Marcus Bosch: Wir haben im Orchester ja auch eine ganze Gruppe von Schlagzeugern. Außerdem werden in diesem Jahr alle jungen und älteren Zuschauer in das Konzert eingebunden.

Wie fällt Ihr Urteil zum Familienkonzert nach zwei Jahrgängen aus?

Marcus Bosch: Ich glaube, das hat total eingeschlagen. Als ob Nürnberg darauf gewartet hätte. Das ist sicher ein Türöffner für Viele. Bei uns im Hause explodiert die Kinderkonzert-Reihe ja auch, von etwa 12 auf jetzt 21 Termine. Insofern ist mir nicht Angst um die Zukunft der klassischen Musik.

Die „Russischen Träume“ vom Jahr 2014 finden 2015 ihre Fortsetzung, wenn man Schostakowitsch nimmt und Katchaturjan. Sie lassen die russische Seele wohl weiter durch Ihr Dirigenten-Dasein schwingen?

Marcus Bosch (lacht): Das hat damit eigentlich nichts zu tun. Ich war auf der Suche nach Stücken für ein so großes Publikum, vielleicht auch für Ersthörer oder Menschen, die zunächst wegen der Atmosphäre kommen. Und da haben die Russen in der Zeit vieles geschrieben. Das sind musikalische Wege ins Heute, auch überraschend populäre.

Interview: Andreas Radlmaier

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Hauptförderer des Klassik Open Airs:

Sparda-Bank Lebkuchen Schmidt