Klassik Open Air

Stadt Nürnberg

Interview mit Marcus Bosch, dem Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Nürnberg

Portrait Marcus Bosch / Foto: Ulf Krentz

Foto: Ulf Krentz

Beim vierteiligen „Ring“-Projekt am Staatstheater Nürnberg geht Marcus Bosch (44) gerade als gefeierter Wagner-Interpret in die Halbzeit. Und auch sonst arbeitet der Nürnberger Generalmusikdirektor, der gleichzeitig künstlerischer Leiter der Opernfestspiele Heidenheim ist, mit großem Ehrgeiz und Energie an Stilistik und Ausdruck. Da ist es konsequent, wenn das Klassik Open Air für ihn beileibe keine Nebensache ist: Bosch möchte am liebsten die ganze Welt zu diesem außergewöhnlichen Ereignis einladen.

Herr Bosch, ein großes Münchner Orchester überschreibt sein diesjähriges Open Air  mit „Russische Nacht“, die Staatsphilharmonie Nürnberg hängt im Luitpoldhain „Russischen Träumen“ nach. Hat die russische Seele gerade Konjunktur?

Marcus Bosch: Bei mir hat sie immer Konjunktur gehabt. Sie ist Teil dessen, was ich immer gerne gemacht habe: russische Musik für sich anzunehmen, für sich umzusetzen. Das ist ja ein viel größerer Kosmos, als wir ihn kennen.

Es gab also keinen aktuellen politischen Anlass? Denn auf dem Programm steht ja auch Rimski-Korsakows „Scheherazade“, wo auch ein tyrannischer Sultan auftaucht.

Marcus Bosch: In „Scheherazade“ erzählt eine Frau dem Sultan jede Nacht eine Geschichte, um ihre eigene Hinrichtung aufzuschieben. Da geht es doch genau darum, dass die Macht des tyrannischen Sultans durch die Kraft der Phantasie gebrochen wird! Ich glaube, tyrannische Sultane hat dieses Land zur Genüge gehabt und ausgehalten. Das war für Kulturschaffende sicherlich auch immer ein Antrieb, sich mit Musik zu wehren, sich in diesem System zu behaupten und dem Volk eine Stimme zu geben. Musik war politisch – ähnlich wie Verdi teilweise in Italien.

Im Zentrum stehen 2014 zwei Zyklen beziehungsweise sinfonische Dichtungen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Marcus Bosch:  Wir haben sehr lange überlegt, was wir machen. Diese Stücke bieten alles, was für ein Open Air wichtig ist: Uns, die Staatsphilharmonie, als das große Orchester in der Metropolregion zu präsentieren, das aufgrund seiner Qualität und Besetzung sich in solchen Stücken zuhause fühlt. Zum anderen erzählt diese Musik Geschichten, Bilder, die sich in einer solchen Sommernacht gut entwickeln.

Es wurde also abgeklopft auf die Tauglichkeit vor Ort?

Marcus Bosch:  Ja, absolut. Es mag auch funktionieren, dort eine Sinfonie zu spielen, aber diese sinfonischen Dichtungen sind so bildhaft, dass sie sich unmittelbar auch für den Klassik-Freund erschließen, der nicht in den Konzertsaal geht. Und man kann sie auch durch Moderation strukturieren.

Denken Sie bei der Programmgestaltung neuerdings auch die Zweitverwertung fürs Familienkonzert mit?

Marcus Bosch: Müssen wir. Da bieten sich ja Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in perfekter Weise an. Das ist Musik mit großer Farbigkeit. Dazu wird sicher unser Moderator Malte Arkona gut Geschichten erzählen können.

Kann man in der Auswahl Ihre Vorlieben in der russischen Musik erkennen oder geht es um die Demonstration der Bandbreite?

Marcus Bosch: Die zwei Stücke im Programm-Zentrum stellen ja fast ein Fragezeichen dar. Denn das, was man originär für russisch hält, ist doch eher Tschaikowski. „Scheherazade“ ist zwar russische Musik, beschäftigt sich aber sehr mit dem Orient.  Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ fokussiert kleinere Bilder und Begebenheiten. Insofern ist das gar kein „richtiges“ russisches Programm, eher ein Blick in eine andere Welt aus Russland.

Haben Sie einen persönlichen Favoriten in diesem Musik-Strauß?

Marcus Bosch: Ganz und gar nicht. Ich habe so lange über diesem Programm gesessen, bis es schlüssig war, dass ich sagen muss: Jedes einzelne Stück ist ein Lieblingsstück. Jedes hat einen eigenen biographischen Bezug. „Bilder einer Ausstellung“ habe ich früh mit dem Schulorchester aufgeführt, „Scheherazade“ habe ich erstmals live mit dem Festivalorchester Schleswig-Holstein unter Gergiev gehört und war fasziniert, „Mazeppa“, aus der wir den „Kosakentanz“ spielen, war meine erste Tschaikowski-Oper, die ich gemacht habe. Ein wunderbares Stück.

Also ein persönlich gefärbtes Programm. Sind die „Russischen Träume“  für Sie ein Kontrast zum gerade gefeierten Wagner-Dirigenten Bosch?

Marcus Bosch:  Ja und gleichzeitig nein. Mein Umgang mit Musik und die Art des Musizierens bestimmen sicher das ganze Repertoire und haben viel mit Transparenz, Agilität, Verschlankung und Brio zu tun. Auf der anderen Seite bietet gerade beim russischen Repertoire dieses Suhlen in der Musik viel Raum.

Also Emotionsräusche…

Marcus Bosch: Ja, das wäre eine gute Überschrift…

Bleiben wir bei Gefühlsausbrüchen. Haben Sie den einen magischen Moment beim Klassik Open Air abgespeichert?

Marcus Bosch: Das ist sicher das Knistern der Wunderkerzen in meinem Rücken. Aber das Ganze ist überwältigend. Was mich auch immer begeistert, ist, mit welcher Freude das Orchester an diesem Ort, an diesem Platz auf die Bühne geht, und es genießt, vor so vielen Menschen Musik zu machen. Als ich jetzt mal die Fernsehbilder vom vergangenen Jahr gesehen habe – das sind Momente, in denen ich richtig gerührt bin. Menschen zu sehen, wie sie glücklich sind. Das kann ich ja so nur in der Rückschau erleben, nicht beim Konzert, wenn man dirigiert und moderiert. Das ist der Moment, in dem man merkt, welche Emotionen bei diesem Klassik Open Air freigesetzt werden. Weil klassische Musik unmittelbar funktioniert.

 

Das Interview führte Andreas Radlmaier.

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