Klassik Open Air

Europas grünster Konzertsaal

Stadt Nürnberg

Neugier ist das Schönste!

Interview mit Marcus Bosch, dem Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Nürnberg

Portrait Marcus Bosch / Foto: Ulf Krentz

Foto: Ulf Krentz

Herr Bosch, Ihr Luitpoldhain-Debüt liegt nun ein knappes Jahr zurück. Was bleibt davon in der Rückschau?

Marcus Bosch: Wenn ich jetzt Bilder sehe und mich zurück erinnere, muss ich sagen, dass ich in dem Moment gar nicht begriffen habe, wie großartig das für eine Stadt ist.

War’s dann so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Marcus Bosch: Die Dimension, die Größe fasst man während der Veranstaltung gar nicht. Da ist man zu sehr mit dem Dirigieren beschäftigt, mit dem Ablauf und dem ganzen Drumherum. Das Genießen kommt im Nachgang, wenn ich mir vor Augen halte, welch grandiose Veranstaltung das ist. Wenn ich mir vorstelle, das wäre in München, dann wüsste das ganz Deutschland, ganz Europa.

Wie lässt sich dieses Defizit Ihrer Meinung nach beheben?

Marcus Bosch: Wie immer: Medien dazu bringen, darüber zu berichten. Ich meine, andere Großfestivals müssen nur stattfinden und da sind die Medien da. Dabei passiert hier – das fiel mir beim Spaziergehen im Luitpoldhain wieder auf – eine Konvertierung des Geistes dieser Fläche. Allein dies müsste Ausstrahlung genug sein. Das hat mich auch wieder erschreckt …

Die Dimension?

Marcus Bosch: Als ich die Bilder gesehen habe, dass Hitler da vorne stand und die Massen ihm zugehört haben. Und ich dirigiere da jetzt! Das hatte etwas Befremdliches, aber gleichzeitig auch etwas unglaublich Befreiendes, die Gewissheit: Das Klassik Open Air dreht den Geist. Das ist unglaublich symbolkräftig.

Heuer gibt es erstmals ein Familienkonzert, das Sie leiten. Welche Erwartungen knüpfen Sie daran?

Marcus Bosch: Eine zusätzliche Zuschauerschicht anzusprechen. Uns ist es ja ein wichtiges Anliegen, die Zuhörer von Morgen zu erreichen. Mit Moderator Malte Arkona habe ich schon in Aachen viel zusammengearbeitet, seitdem ist er gefragt für diese Arbeit mit Kindern. Da bin ich froh, dass er jetzt nach Nürnberg kommt und mit uns Ausschnitte des Abendprogramms kindgerecht serviert, eine Geschichte außen rum erzählt, mit den Musikern auf den Platz geht, dass also Interaktion stattfindet. Auch da eine Handreichung für Kinder, Jugendliche und Eltern, die die abendfüllende Fülle meiden wollen.

Es wird augenblicklich überall über den Rückgang der musischen Bildung diskutiert und geklagt. Ist das Panikmache oder traurige Wahrheit?

Marcus Bosch: Traurige Wahrheit in der allgemeinen Bildung ja, aber die großen Institutionen haben noch genug Kraft und Ideenreichtum, um sich das Publikum dann anders zu holen. Aber gut, ich bin so aufgewachsen, Menschen für das zu begeistern, was mich begeistert. Es gibt für mich jedenfalls keinen Grund zu resignieren. Wenn es nicht funktioniert, fehlen die Ideen.

Welche Rolle kann da ein Klassik Open Air spielen?

Marcus Bosch: Anstoß. So eine Begegnung hat eine unglaubliche Kraft. Kleines Beispiel: Über Curling lächelt man ja immer gerne. Ich hatte die Gelegenheit, dass mir ein Profi das zeigt. Und dann bekommt man plötzlich Respekt. Dabei zu sein, heißt immer auch Vorurteile wegnehmen zu können oder noch besser: Interesse zu wecken.

Sie werden im Programm – natürlich – auch Wagner haben. Ist er für Sie ein Monstrum oder ein Magier?

Marcus Bosch: Umso mehr ich mich mit ihm beschäftige, umso unfassbarer wird er. Diese Vitalität, die dieser Mensch gehabt hat, diese Energie. Das sind zwei Begriffe, die bringt man nie in Verbindung mit Wagner. Aber wenn man sich seine Lebensleistung anguckt, sind es – neben Ruhmsucht und Schulden haben – die hervorstechenden Merkmale. Und wie stilbildend er war. Deshalb schlagen wir im Programm ja auch einen Bogen von Wagner zum großen Romantiker Tschaikowsky zu „Star Wars“. Welche Auswirkungen er auf die Filmbranche bis zum heutigen Tag hat, im Prinzip unser Klangweltbild bestimmt. Alles, was wir heute an Filmmusik machen, fußt auf einer Ideen-Welt, einer Leitmotiv-Technik von Wagner.

Sie haben keine Berührungsangst mit Hollywood, wenn Sie John Williams spielen?

Marcus Bosch: Nein, John Williams kennt genau sein Handwerk, schreibt sehr virtuos für große Symphonieorchester. Den kann man bei so einer Gelegenheit spielen. Ich habe es immer gehasst, wenn der Klassik-Betrieb in Schubladen denkt. Eine unbegrenzte Neugier ist das Schönste, was man einem Menschen zusprechen kann.

Interview: Andreas Radlmaier

Hauptförderer des Klassik Open Air:

Sparda-Bank Lebkuchen Schmidt Rudolf und Henriette Schmidt-Burkhardt Stiftung