Klassik Open Air

Europas grünster Konzertsaal

Stadt Nürnberg

Beweg Dich!

Interview mit Alexander Shelley, dem Chefdirigenten der Nürnberger Symphoniker zum Klassik Open Air am 4. August 2012 im Luitpoldhain


Foto: Claus Felix

Sie machen der Stadt eine Liebeserklärung nach der anderen. Als Nürnberger wird man da stutzig, wenn man sich vor Augen hält, dass Sie aus London kommen, dort leben, aus einer Metropole, die weltweit als hip gilt.

Genau das finde ich wieder total sympathisch: Dass man den Franken sagt, ich mag’s hier, und die sagen: Kann nicht sein! Ich finde, die Menschen hier sind sehr ehrlich und bescheiden durch diese Ehrlichkeit, aber auf eine für mich sehr unkomplizierte Art und Weise freundlich. Das ist sicher nicht italienisch oder brasilianisch von der Grundhaltung, eher ein bisschen wie in Norddeutschland: Wenn man eine Freundschaft etabliert hat, ist es wirklich etwas Wahres. Man hat es verdient. Und wenn man aus einer Stadt wie London kommt, oder Paris oder New York, ist man gerne ein Stück weit arrogant und meint, es gibt nichts Besseres. Aber es gibt auch in solchen Städten viele Nachteile. Nürnberg ist keine Weltstadt von der Größe her, aber sie hat die Vorteile einer Metropole mit vielen Menschen. Es gibt viel Vielfalt. Und auch rein optisch ist die Stadt schön. Dass diese Burg mitten in der Stadt ist, dass man so behutsam die Altstadt wieder aufgebaut hat, gibt mir das Gefühl, dass Nürnberg eine einzigartige Stadt ist. Hier seine Zeit zu verbringen, war für mich, ganz ehrlich, immer eine Freude.

Sie können also versichern, dass Sie nicht auf der Gehaltsliste der Tourismuszentrale stehen?

Ganz bestimmt nicht. Ich bin ja ein großer Deutschland-Fan im Allgemeinen. Und wir haben in ganz Europa so einen Schatz an Städten und Landschaften. Du kannst innerhalb von zwei Flugstunden Eis im Norden und Strand im Süden erleben.

Viele haben nicht erwartet, dass Sie Ihren Vertrag als Chefdirigent bei den Symphonikern nochmals verlängern bis 2017 und eher die nächste Karrierestufe nehmen.

Karriere mache ich sozusagen nebenbei. In den Wochen, wo ich nicht hier bin, gastiere ich bei großen Orchestern. Für mich war aber von vornherein klar, dass meine Arbeit hier nicht kurzfristig ist. Es ist wie bei Fußballmannschaften: Man kann in drei Jahren einiges erreichen, aber nicht sehr viel. Wenn man wirklich investieren will in ein Orchester, braucht es längere Zeit. Als Dirigent hat man mehrere Möglichkeiten. Eine ist, vor einem Weltklasse-Orchester zu stehen, wo man am Triebwerk nichts ändern muss. Das ist spannend, natürlich. Aber viele Dirigenten, auch ich, mögen das Handwerkliche dabei, das vorhandene Talent zu optimieren. Das ist eine wunderbare Basis, ich mache hier sehr viel Repertoire. Ich habe auch bei Kollegen, Solisten, Intendanten viel Respekt erfahren für meine Entscheidung, hier zu bleiben: Da steht einer zu seinem Orchester.

Wie würden Sie Menschen, die das Klassik Open Air nicht kennen, dieses Phänomen erklären?

Es ist nicht nur ein Konzert, sondern ein Fest. Im normalen Konzert spielen die Ausführenden die Hauptrolle, in diesem Fall – einfach weil es auch eine solche Menge ist – hat das Publikum die führende Rolle. Diese Masse des gemeinsamen Genießens und Feierns, dass man unter freiem Himmel ist, die Dämmerung mitbekommt, die Luft – das alles macht es zum Erlebnis statt zum Konzert. Pop- und Rockfans sind es gewohnt, unter 30 000 oder 50 000 Leuten zu sein. Wenige werden das mit klassischem Orchester erlebt haben. Und dieses Erlebnis ist wie in den Urlaub fahren. Das hat man nicht jeden Tag.

Nutzt sich diese Faszination ab?

Noch nicht. Ich kann es mir auch kaum vorstellen. Meine Frau sagt das auch immer wieder: Wie viele Menschen dürfen vor 50 000 Menschen stehen und sie zwei Stunden lang mit Musik unterhalten? Ich darf das einmal im Jahr, die meisten Menschen dürfen das in ihrem ganzen Leben nicht. Das ist eigentlich die reinste Freude. Und eine Herausforderung: Man möchte das Publikum nicht enttäuschen. Ich meine, ich könnte es noch 50 Jahre lang machen, ohne dass es sich abnutzt.

Es gibt ja aber auch immer Stimmen, die im Klassik Open Air den Verrat an der reinen Lehre sehen.

Ich sehe das ganz und gar nicht so. Das eine schließt das andere nicht aus. Wir machen sonst tolle Konzerte im Jahr, die total normal sind. Man muss sich fürs Klassik Open Air überhaupt nicht entschuldigen. Ich bin mir hundertprozentig sicher, ein Beethoven, ein Mozart, ein Bach hätten auf der Bühne gestanden und gesagt: „Das ist geil, das ist geil! Warum für 20 spielen, wenn wir für 60 000 spielen können?!”

Sie haben letztes Jahr einen Weltrekord hingelegt. Was lässt sich da noch drauflegen?

Ich werde nicht verraten, was wir vorhaben. Wir werden das nicht toppen, aber wir versuchen, das Level zu halten. Ich kann sagen: Man muss sich dieses Mal nicht einsingen, sondern eher etwas Yoga oder Stretching betreiben.

Dieses Angebot von „Ich hätte getanzt heut’ Nacht” besteht ausnahmslos aus Ohrwürmern. Warum?

Man vergisst sehr oft, dass die klassische Musik ihre Wurzeln in der Tanzmusik hat. Bach hat kaum etwas geschrieben, das nicht auch Tanzmusik war, Sarabande, Menuett. Und es gibt hunderte, wenn nicht tausende, hervorragende Stücke aus dem klassischen Repertoire, die einen zum Tanzen bringen. Und wir wollten etwas ganz anderes machen als im vergangenen Jahr. Mit einem Weltstar als Solisten: Pepe Romero.

Was würden Sie einem Luitpoldhain-Debütanten wie Marcus Bosch von der Staatsphilharmonie für einen Tipp geben?

Marcus ist darin vollkommen versiert. Ich bin zuversichtlich, dass das Publikum seine große Persönlichkeit aufnehmen wird. Ich brauche ihm bestimmt keinen Rat zu geben. Ich wünsche ihm nur viel Freude bei dem Konzert.

Im Herbst steht eine China-Gastspielreise an. Dann folgen die Mailänder Scala und wieder der Wiener Konzertsaal. Was kann, was soll danach fürs Orchester kommen?

Das gleiche, nur in größerem Rahmen. Ich würde gerne mehr solche Tourneen wie die durch China machen. Die wird sehr spannend. Aber unser Kern bleibt unsere Arbeit hier in Nürnberg. Wir müssen immer genauer hinterfragen, was wollen die Menschen hören, und welche neue Musik können wir präsentieren. Kunst darf kein Fastfood sein, sondern muss die Möglichkeit der Horizonterweiterung liefern und über lebenswichtige Fragen nachdenken zu können. Das passiert immer weniger in der heutigen Zeit. Wenn das verloren geht, haben wir etwas sehr Wertvolles verloren. Es gibt nur noch in bestimmten Zeitungen und auf wenigen politischen Ebenen Befürworter von Kunst und Kultur, die wissen, was sie zu bieten hat. Das ist ziemlich schade

 

Interview: Andreas Radlmaier

Hauptförderer des Klassik Open Air:

Sparda-Bank Lebkuchen Schmidt Rudolf und Henriette Schmidt-Burkhardt Stiftung